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Eltern- Schüler-Lehrer-Abend am 17. Mai 2015 im OHGstark3-01

Die Kunst einen Kaktus zu umarmen – Hilfe, meine Eltern sind in einem schwierigen Alter – Baustelle: vorübergehend geschlossen …

Donnerstagabend am OHG. Die Puste wird weniger, die Ferien sind greifbar nah. Eben bricht das Reinigungspersonal seine Zelte ab, das sonst immer brummende Schulhaus wird ganz still. Eigentlich ein Abend zum Chillen, würden unsere Schüler sagen. Doch dann belebt sich das Foyer wieder, etwa 100 Eltern , Schüler und Lehrer bevölkern das Haus. Gibt es Probleme zu besprechen? Nein, alles in Ordnung, alle Anwesenden sind freiwillig gekommen zu diesem „Eltern-Schüler-Lehrer-Abend“ . Sie wollen sich über das Thema des Heranwachsens austauschen, über die Schwierigkeiten und den Stress, den diese Zeit für alle Seiten bringen kann, aber auch über die tollen und spannenden Seiten dieser Lebensphase. Und es soll um die Wünsche gehen, die sich in diesem Zusammenhang bei Schülern, Eltern und Lehrern auftun.

Und so sitzen wir dicht an dicht im Foyer, mit mehr oder weniger genauen Vorstellungen, was dieser Abend wohl bringen mag. Eine Mutter murmelt erstaunt: „Da sind ja auch Schüler.“ Ja - denken wir Organisatoren erfreut, eine Gruppe aus Lehrern und Eltern, die sich am vergangenen pädagogischen Tag gefunden hat - zum Glück sind auch einige Schüler gekommen, denn sie sind das Herzstück des heutigen Abends.

Die Pubertät – ist das die Zeit, in der Eltern schwierig werden? Oder werden unsere Kinder und Schützlinge komisch? Mancher Elternteil kommt sich vor, als versuche er einen Kaktus zu umarmen. Das kann mächtig pieksen!

„Das ist alles normal“, erklärt unsere Schulsozialarbeiterin Anja Frasch in ihrem Auftaktvortrag und nimmt uns mit auf eine Reise durch die Hirnentwicklung in der Adoleszenz. Wir erfahren, dass das Hirn einer großen Baustelle gleicht, die das Arbeitsgedächtnis mächtig leiden lässt. Man hört erleichtertes Aufatmen unter den Lehrern – kommt doch jeder einmal an den Punkt, an dem er an seinen Fähigkeiten junge Menschen etwas zu lehren zweifelt. Wir lernen auch, dass das Belohnungszentrum bei den Jungen in dieser Zeit plötzlich viel mehr Belohnung benötigt. Und das dafür benötigte Dopamin holt sich mancher junge Mann in dieser Zeit, indem er den Kick sucht, sich in Gefahr begibt, die er im Regelfall nicht einmal realistisch einschätzen kann, zumindest dann nicht, wenn er andere Gleichaltrige aus seiner Peer Group um sich hat. Diese Gruppe aus Gleichaltrigen macht auch den Unterricht in einer Gruppe in dieser Hochphase der Entwicklung schwierig. Die Gruppe Gleichaltriger in Sicht- und Hörweite schafft eine von Emotionen bestimmte Atmosphäre, rationales Denken ist kaum noch möglich. Es gibt zu viel Ablenkung, das adoleszente Hirn kann vorübergehend seine Entscheidungsprozesse weniger rational steuern. Sobald Emotionen ins Spiel kommen, können wir Lehrer unseren methodisch akribisch ausgetüftelten Unterricht einpacken. Sandras umgefallene Schorleflasche ist einfach spannender, ebenso die Papierkügelchen, die wie von Geisterhand durch die Luft fliegen. Wir folgen Frau Frasch weiter, der Gang durch die Hirnentwicklung erweist sich als sehr aufschlussreich. Einige Jungen können Gesichtsausdrücke temporär sehr schlecht interpretieren. Das erklärt manchem Elternteil, warum Junior ihn keck anstrahlt, während bei Papa die Halsschlagader zu pulsieren beginnt: Er konnte schlichtweg nicht ablesen, dass der Herr Vater seit geraumer Zeit sehr angespannt schaut! Und unsere Mädchen befinden sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Irgendwie hat man vieles davon schon einmal gehört oder gelesen, aber manch einem waren die Zusammenhänge in dieser Komplexität nicht klar.

stark3-02„Heranwachsende in dieser Phase sind eben so.“ Das ist die Quintessenz des Vortrags. Wir müssen damit leben, uns darauf einlassen und damit umgehen, Eltern, Lehrer, aber eben auch unsere Kinder. Das macht ein wenig hilflos, doch man merkt im Raum, dass viele Unklarheiten immerhin eine Erklärung bekommen haben. Eine gewisse Erleichterung macht sich breit und das Wissen, dass diese Phase sein muss, dass sie vorübergeht und Unglaubliches bewirkt. Was manchmal schwierig scheint, gehört zur Entwicklung des Homo Sapiens einfach dazu – das Gehirn des denkenden Menschen muss sich entwickeln und eine solche Großbaustelle funktioniert eben anders als zuvor.

Mit diesem Wissen gehen wir in sieben Gruppen, wo es in den eigentlichen Austausch gehen soll. Die Schüler bleiben hierbei unter sich. Die Mischung von Klasse 7 bis zum Abiturienten ermöglicht es, aus verschiedenen Abschnitten der Adoleszenz auf das Thema zu schauen. Die Kursstufenschüler schauen quasi rückblickend auf die eben abgeschlossene Phase ihres Lebens zurück, andere stecken mittendrin.

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Die meisten Eltern haben sich in den Austausch mit Lehrern begeben. Man überlegt, was an der Zeit der Adoleszenz spannend und schön sein kann. Die Tafel füllt sich schnell, wir freuen uns über eine ganze Menge: Der Sohnemann ist zum interessanten Diskussionspartner geworden, jedoch ist er unglaublich faul. Die Tochter ist schlagfertig und unglaublich witzig. Aber zickig ist sie und manchmal verschlossen. Unsere Schüler sind vergesslich, doch dann bringen sie im Unterricht einen genialen Beitrag und hauen uns vom Hocker.

Eltern wie Lehrer beobachten mit Freude, wie unsere Kinder und Schüler zunehmend zu Partnern auf Augenhöhe werden. Es tut gut, sich in dieser Gruppe einfach auszutauschen. Man darf sagen, was einen stresst, stellt fest, dass man damit nicht alleine steht und sieht gleichzeitig, wie viel Positives dem gegenüber an der Stellwand steht, sichtbar und greifbar. Das vergessen wir alle gerne mal.

 

Wir Eltern und Lehrer sind uns schließlich einig: Man könnte sich noch sehr lange unterhalten, Stoff gibt es reichlich. Berührungsängste, so sie überhaupt da waren, sind verschwunden. Unsere Kinder und Schützlinge machen uns manchmal wahnsinnig, aber wir wollen alle in die gleiche Richtung: Wir möchten die Heranwachsenden gut und sicher durch diese Zeit bringen, sie unterstützen, dabei selbstständig werden lassen und beobachten mit Interesse und Neugierde, wie sie zu einem immer fertigeren Menschen werden. Ein Lehrerkollege meint: „Haben wir nicht einen tollen Job? Wir dürfen Kinder ins Erwachsenwerden begleiten!“ Da hat er Recht.

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Mit unseren wichtigsten Erkenntnissen gehen wir zurück ins Plenum, wo sich alle Schüler, Eltern und Lehrer wieder versammeln, und tragen dort unsere Punkte zusammen. Auf den ersten Blick sieht man, dass vieles sich deckt.

 

 

 

stark3-05Besonders spannend für uns Erwachsene sind allerdings die Ergebnisse der Schülergruppe. Der Markt ist voll an Fachliteratur über die Zeit der Pubertät. Wir aber wollen erfahren, was diese unsere Jugendlichen in Nagold und am OHG umtreibt. Das ist der Ratgeber, auf den wir an diesem Abend bauen wollen. Und so präsentieren Hanna Glaser aus dem YOUZ und unsere Schülerin Jana Röhm die Ergebnisse aus der Schülergruppe. Besonders spannend finden wir diese Aussage: Mindestens die Hälfte der Sachen, die Erwachsene so in der Erziehung sagen, ist eigentlich recht brauchbar, ja sogar hilfreich – wer hätte das gedacht. Die Schüler empfehlen den Eltern und Lehrern die richtige Mischung aus Gelassenheit und klaren Regeln. Diese Mischung immer wieder zu finden, ist sicherlich schwierig – ähnlich schwer eben, wie einen Kaktus zu umarmen.

Und zu guter Letzt genießen auch die Heranwachsenden, was wir in unseren Gruppen aus Eltern und Lehrern bereits festgestellt hatten: Dass man hier und da mit den Erwachsenen auf Augenhöhe agieren kann.

 Wir finden, dass dieser Abend einen würdigen Abschluss verdient hat und treffen uns alle im Foyer zu einem Umtrunk. Wir wollen auf unsere Kinder und Schüler anstoßen, ihren Witz, ihre Ehrlichkeit und ihre Spontanität. Wir feiern sie heute als die Menschen, die sie gerade sind und die Persönlichkeiten, die sie einmal sein werden. Und ein bisschen feiern wir uns Erwachsene, die nach den vorangegangen Schüleraussagen wohl doch nicht alles falsch machen. Wir dürfen nur nicht erwarten, dass uns das ständig gesagt wird…

„Haben wir nicht einen tollen Job? Wir dürfen Kinder ins Erwachsenwerden begleiten.“ Da hat der Lehrerkollege von vorhin immer noch Recht.

Bettina Haupt, Ulrich Hamann

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